Wollen wir unseren alten Kaiser wiederhaben?

Deutsche Sehns?chte nach normalisiertem Umgang mit dem eigenem Nationalgef?hl sind t?richt und gef?hrlich

ECFR Alumni · Former Senior Policy Fellow




Die Debatte, die in Deutschland seit einigen Monaten zur
Frage einer Budgethilfe für die Hellenen geführt wird, hat im europäischen
Gemeinwesen Schaden angerichtet. Und sie hat Attitüden hochgespült, von denen
man vor kurzem noch hoffen durfte, sie seien in den Untiefen der deutschen
Vergangenheit versunken. Da ist die Kampagne, mit der Deutschlands
meistgelesene Zeitung ein Land und seine Bewohner überzog: Überheblichkeit,
halbstarkes Auftrumpfen („Kanzlerin zeigt den Pleite-Griechen, wo es lang
geht”), Hochpeitschen deutscher Selbstgefälligkeit. Niederschreiben eines Teils
vonEuropa, in dem Hunderttausende leben, deren Kindheit von der Barbarei des
deutschen Staates und seiner Soldateska gezeichnet wurde. Aber bleiben wir in
der Bild-Sprache: Sind dort alle
„Pleitegriechen”, dann sind wir hier alle „Nazi-Enkel”. Wir „Nazi-Enkel”
sollten den Anstand bewahren, uns bestimmte Formen xenophober Hetze zu
verkneifen. Too bad, wenn es einige nicht
(mehr) hören wollen, es bleibt Realität: Der Zweite Weltkrieg ist kein Jurassic
Park der europäischen Geschichte. Er ist schreckliche, gelebte Erinnerung von
Millionen Europäern. Wie ist Politik im vereinten Deutschland auf den Hund
gekommen, dass Bild  ihre Tiraden publizieren konnte, ohne auf den
geharnischten Protest der politischen Klasse zu stoßen? Aber nein, in NRW stand
ja eine Wahl an!

Oldtimer wissen, dass es in den ersten Jahrzehnten der alten Bundesrepublik
eine Debatte darüber gab, ob die Verankerung der Demokratie  an
wirtschaftlichen Wohlstand gekoppelt sei – ob also ein Rückfall in antidemokratische
Traditionen drohe, wenn die Nachkriegsverheißung jährlicher Wohlstandsmehrung
entfiele. Der Test ist da: Wiedervereinigung und Wettbewerb mit den neuen
Großmächten des 21. Jahrhunderts haben die Mehrheit der Deutschen in ihrer
Wohlstandserwartung enttäuscht. Die gute Nachricht: Deutschlands Demokratie
wirkt stabil. Die schlechte: Ein deutsches Denken ist bedroht, das in der
Überwindung des faulen Zaubers des Nationalismus und des süßen Gifts des
xenophoben Rausches die zweite wichtige Aufgabe der Politik in Deutschland sah.

Welche Normalisierung eigentlich?

In gebildeten Kreisen wird dieser Wandel mit dem beruhigenden Wort der
Normalisierung beschrieben, womit man eine Rückkehr in den Klub der Länder
meint, die angeblich „normale” nationale Interessenvertretung betreiben. Was
für ein Unfug. Erstens ist es gaga, im Zeitalter
der globalen Problemstellungen flaggenschwenkende, nationalemotionale
Verhaltensmuster – wie man sie etwa in Großbritannien praktiziert – zur
vernünftigen, also zukunftsweisenden Norm zu erklären. Zweitens ist die Vorstellung, die
Bundesrepublik habe in der Ära von Adenauer bis Kohl/Fischer darauf verzichtet,
ihre Interessen in Europa durchzusetzen, derart unhistorisch und falsch, dass
es den Atem verschlägt, wie solcherlei Blödsinn von Kommentatoren und
Politikern beharrlich heruntergeleiert wird.

Man muss nur die Augen öffnen: Die Wettbewerbsordnung in der EU, der
Machtzuwachs des EU-Parlaments, die Architektur der Währungsunion, das Tempo
der Osterweiterung – all das trägt die Handschrift der deutschen Politik mehr
als jeder anderen nationalen Kraft in Europa. Es ist das vermeintlich so
selbstlose und wenig auftrumpfende Deutschland, das gerade wegen seiner
Zurückhaltung im Stil den Ordnungsrahmen des Kontinents in Gestalt der
Europäischen Union mehr als jedes andere Land geprägt hat, und zwar nicht
selten gegen Murren und Widerstand der Partner. Mochte es anfangs darum gehen,
die Bundesrepublik als europäischen und internationalen Akteur zu legitimieren,
handelte es sich spätestens seit Helmut Schmidt um kluge Interessenpolitik, um
den sensationell erfolgreichen Export deutscher Vorstellungen und
Ordnungsmuster. 

Wer die ersten fünf oder sechs Nachkriegsjahrzehnte jetzt als Epoche darstellt,
in der sich ein Zahlmeister Deutschland fortwährend seinen europäischen
Partnern unterordnete, frönt paranoidem Wahn. Wir kennen diese Paranoia aus der
deutschen Geschichte: Die primitive, kurzsichtige, antieuropäische
„Zahlmeister”-Propaganda von heute ist das perfekte Echo der „Platz an der
Sonne”-Ideologie des zweiten Kaiser Wilhelms. Schon zeigt sich, wie
„Normalisierung” genau die Impulse freilegt, die Germanias Politik bereits vor
100 Jahren in die Irre führte: bramarbasierendes Auftrumpfen („An unserer
Kanzlerin beißt sich Europa die Zähne aus”) vermischt mit provinziellen
Minderwertigkeitsgefühlen – der immerwährenden Furcht des deutschen
Biedermanns, von listigen Ausländern irgendwie über den Tisch gezogen zu
werden.     

Die Geschichte, der gefährliche Untote

Die Jugoslawien-Kriege haben unsere Generation gelehrt, dass Geschichte ein
gefährlicher Untoter ist. Es gehört zu den traurigen Spezialitäten der
deutschen Vergangenheit, dass es seit den Religionskriegen der Renaissance
praktisch keine Epoche gibt, die für die deutsche politische
Bewusstseinsbildung per saldo klar positiv zu Buche schlägt. Da war der
Dreißigjährige Krieg, die deutsche Urkatastrophe ausgerechnet in dem
Jahrhundert, das europäische Modernität stiftete. Dann das Duodezfürstentum des
18. Jahrhunderts: oft unzivilisierter, zuweilen orientalisch anmutender
Lokaldespotismus in eleganter Architektur, verbunden mit kriecherischem
Untertanengeist. Dann die nationale Aufwallung im Kampf gegen Napoleon, die
schnell in die völkische Deutschtümelei eines Turnvater Jahn abdriftete. Dann
die Verschmelzung des deutschen Nationalgedankens mit dem übersteigerten
Militärkult des preußischen Staates, die Grundlage für die Wahnsinnspolitik des
primitiven Wilhelm II. Dann die Chaos-Episode der Weimarer Republik. Dann die
Katastrophe von zwölfeinhalb Jahren Hitler. Nicht vor langer Zeit, sondern
gestern. Kindheits- und Jugenderinnerung von Millionen heute Lebender.

Wer auf dieses Panorama blickt und halbwegs bei Sinnen ist, wer Bach und Goethe
herausnimmt und die deutsche Geschichte als Politik pur betrachtet, der muss
die mit Adenauer eröffnete (und mit seinem Urenkel Fischer hoffentlich nicht
abgeschlossene) Epoche als kostbares Erbe erkennen und pflegen – als
historisches Wunder, fast die einzige Zeit, in der deutsche Politik in Europa
staatsmännisch klug, überwiegend anständig und triumphal erfolgreich war. 
Nicht auf nüchterne, zuweilen auch harte Vertretung seiner Interessen hat der
demokratische Teil Deutschlands in diesen angeblich anormalen Jahrzehnten
verzichtet, sondern nur auf den faulen Zauber und das süße Gift
nationalistischen Fahnenschwenkens.

Die von Vielen in irrer Verblendung jetzt gewünschte „Normalisierung” des
Umgangs mit dem Nationalgefühl ist nichts anderes als der bewusst
herbeigeführte Bruch mit der einzig erfolgreichen Epoche der neueren deutschen
Geschichte, das gezielte Freisetzen der stupidesten und zerstörerischsten
Impulse der Politik. In kaum einem Land ist dieses Sehnen zurück zur
vermeintlichen Normalität des Nationalzeitalters so gefährlich und abwegig wie
in Deutschland. Wo sind denn unsere deutschen Modelle, wenn wir den klugen,
modernen, aufklärerischen Stil unserer Nachkriegsjahrzehnte für obsolet
erklären? „An unserem Kaiser (pardon: unserer Kanzlerin) beißt sich Europa die
Zähne aus”: Wilhelminismus pur, reaktionäres politisches Gift, das im 21.
Jahrhundert in Deutschland keinen Platz haben darf.

This piece was originally published in Berliner Republik

 

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